Projekt ProFix
Propositionsfixiertes Leseverhalten literarischer Texte – individuelle und soziale Risikofaktoren
Manche Schüler*innen lesen literarische Texte so, als wären es Sachtexte: informationsorientiert, ohne Immersion, ohne emotionale oder ästhetische Reaktion. Wir nennen dieses Leseverhalten „propositionsfixiert“ und versuchen in der ProFix-Studie an einer Stichprobe von ca. 400 Schüler*innen aus Deutschland und der Schweiz zu verstehen, bei wem es auftritt.
Im Rahmen des binationalen Projekts „ProFix“ untersuchen wir eine wiederholt beobachtete Abweichung im Leseverhalten mancher Schüler*innen der Sek. I: Diese Schüler*innen, die wir als „propositionsfixiert“ bezeichnen, versenken sich nicht in lebhafte Imaginationen fiktiver Textwelten. Sie vergegenwärtigen sich nicht die sprachliche und erzählerische Gemachtheit des Textes, kontextualisieren und deuten ihn nicht und lesen ihn weder kritisch noch mit Genuss. Interviewte Lehrkräfte vermuten oft, dass schwache Lesekompetenzen die Ursache sind, doch das ProFix-Projekt prüft demgegenüber auch die Hypothese, dass es einen stärkeren Zusammenhang zwischen Propositionsfixierung und mangelnder Vertrautheit mit fiktionalen Schrifttexten gibt.
Um den jeweiligen Zusammenhang von Propositionsfixierung mit Lesekompetenz und Vertrautheit mit Literatur unter Kontrolle von Variablen wie Familiensprache, sozio-ökonomischem Status und Geschlecht genauer bemessen zu können, erheben wir an insgesamt achtzehn Schulen in der Schweiz und in Deutschland Daten in neunten Klassen: Mittels Foregrounding-Test und deduktiver Qualitativer Inhaltsanalyse von lesebegleitendem Lautem Denken wird die Propositionsfixierung erfasst; mittels Leserennen und Leseverstehentest aus dem DT 9-10 werden Leseflüssigkeit und Textverstehen informatorischer Texte gemessen; mittels Author Recognition Test (ART) und Lesegewohnheitsfragebogen wird die Vertrautheit mit unterschiedlich beschaffenen fiktionalen Schrifttexten erfasst und die Kontextvariablen werden über einen Fragebogen abgefragt.
Ausgewählte Publikationen
- Carl, M.-O. (2024). Propositionsfixierung – eine Hürde auf dem Weg zu literarischer Bildung verstehen und überwinden, in: M.-O. Carl, M. Jörgens, & T. Schulze (eds.): Literarische Texte lesen – Texte literarisch lesen. Festschrift für Cornelia Rosebrock (pp. 369-389). Heidelberg: Metzler.
- Carl, M.-O. & Rietz, F. (2026): Wer liest literarische Texte propositionsfixiert und warum? Einblicke in die ProFix-Studie. Vortrag im Panel „Literarisches Lesenlernen in schriftfernen Lebenswelten revisited“ auf dem 26. Symposion Deutschdidaktik in Halle an der Saale, 23.09.2026.
- Rietz, F. & Carl, M.-O. (2026). Warum interpretieren sie nicht? Eine binationale Studie zu Ursachen literarischer Rezeptionsblockaden. Vortrag auf dem SGBF/SGL-Jahreskongress, St. Gallen (CH), 19.06.2026.
